Wenn Männlichkeit verunsichert: Wie ein Mann in einer Familienaufstellung eine neue innere Erlaubnis findet

In der systemischen Arbeit wird deutlich, wie Menschen in ihrer inneren Entwicklung durch Erfahrungen in der Herkunftsfamilie geprägt wurden. Ein Beispiel dafür ist ein Mann, der aufgrund des gewalttätigen Verhaltens seines Vaters Schwierigkeiten hatte, seine eigene Männlichkeit und Sexualität positiv beziehungsweise überhaupt zu leben. Für ihn war männliche Kraft untrennbar mit der Gefahr von Gewalt verbunden. Ein positives Körpergefühl war für ihn nicht zugänglich.
Dies führte dazu, dass er wichtige Anteile seiner Persönlichkeit zurückhielt – aus Sorge, etwas „Falsches“ zu verkörpern oder zu reproduzieren. Und weil er es schlichtweg durch fehlendes Vorbild nicht gelernt hatte.
Hintergrund: Scham und innere Hemmung
Gewalt in der Herkunftsfamilie kann dazu führen, dass Nachkommen Aspekte ihrer Identität mit Scham besetzen. In diesem Fall betraf es insbesondere:
- die Fähigkeit, sich als Mann zu definieren,
- die Möglichkeit, Sexualität frei und liebevoll auszudrücken,
- und das Vertrauen darin, eigene Kraft verantwortungsvoll einzusetzen
- und schließlich Liebe zu geben und zu bekommen.
Die innere Logik dahinter ist oft unbewusst:
„Wenn mein Vater gewalttätig war, darf ich nicht so werden wie er – also halte ich meine Kraft lieber zurück.“
Die Rolle der Familienaufstellung
In der Familienaufstellung formulierte der Mann eine zentrale Frage:
Darf ich ein vollständiger, lust- und liebevoller Mann sein?
Um diesen inneren Konflikt abzubilden, wurde u.a. das Element der „Erlaubnis für die eigene Männlichkeit“ in die Aufstellung integriert. Dieses Element repräsentierte die Möglichkeit, dass er seine eigene Männlichkeit und Sexualität unabhängig von der Geschichte seines Vaters entwickeln darf.
Die repräsentierende Person stellte sich ihm an seine Seite und formulierte eine klare Botschaft:
Du darfst deine dir eigene Männlichkeit annehmen, deine Sexualität leben, und dies auf eine verantwortungsvolle,zugewandte und auf Konsens basierender Weise tun.
Ein kollektiv wirksamer Aspekt
Interessant war, dass dieses Element nicht nur ihm persönlich gegenüber sprach. Die repräsentierende Person formulierte die Erlaubnis spontan auf einer breiteren, universellen Ebene.
Es wurde deutlich:
Die innere Erlaubnis, eine nicht destruktive, sondern konstruktive Form von Männlichkeit zu leben, ist ein Thema, das viele Männer betrifft.
Dies verweist auf einen bekannten Aspekt systemischer Arbeit:
Individuelle Prozesse können Hinweise auf kollektive Dynamiken geben. Was im Raum für eine Person ausgesprochen wird, kann eine Relevanz haben, die über den Einzelfall hinausgeht, ja schon fast universelle Dimensionen spiegelt.
Systemische Wirkung über das Individuelle hinaus
Familienaufstellungen dienen primär der individuellen Klärung. Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass Themen wie Identität, Geschlechterrollen oder Scham häufig gesellschaftliche Dimensionen berühren.
Die Situation dieses Mannes ist dafür ein Beispiel: Sein persönlicher innerer Konflikt steht stellvertretend für Erfahrungen, die viele Menschen aus belasteten Familiensystemen kennen.
Dass die „Erlaubnis“ in dieser Aufstellung eine allgemeine Formulierung fand, macht sichtbar, dass die Frage nach einer konstruktiven, liebevollen Männlichkeit nicht nur ein privates Thema ist. Sie ist Teil eines größeren sozialen Zusammenhangs.
Fazit
Der Fall zeigt, wie systemische Arbeit helfen kann, verinnerlichte Hemmungen und konflikthafte Identitätsanteile sichtbar zu machen und neu zu bewerten.
Für diesen Mann bestand der entscheidende Schritt darin, eine innere Erlaubnis zu finden, seine Männlichkeit unabhängig von den Fehlern seines Vaters zu definieren. Im Anschluss wurden zwei verschiedene Anteile seiner verinnerlichten Männlichkeit (der „Draufgänger“ und der „Umsichtig-Liebevolle“) miteinander ins Gespräch gebracht, um gemeinsam eine Ebene des gelingenden sexuellen Agierens zu entwickeln.
Gleichzeitig verdeutlicht das Beispiel, dass individuelle Prozesse häufig einen Bezug zum Kollektiv haben. Wenn eine Erlaubnis ausgesprochen wird, betrifft sie oft mehr als nur die eine beteiligte Person – sie eröffnet einen Denkraum für gesellschaftliche Themen wie Verantwortung, Gewaltfreiheit und eine neue Form von Männlichkeit – so zumindest die Rückmeldungen von den Teilnehmenden des Aufstellungsseminares.
